Energie heisst für mich
«Information ist der wichtigste Rohstoff der Polizeiarbeit»
Sicherheit entsteht durch Vorausdenken: Informationen auswerten, Risiken erkennen, Gefahren minimieren. Der Aargauer Polizeikommandant Michael Leupold spricht über Motivation, Stressresistenz, mentale Gesundheit im Korps und darüber, wie Cyberkriminalität und geopolitische Spannungen die Polizeiarbeit verändern.
Herr Leupold, wenn Sie Ihren Job als Kommandant der Kantonspolizei Aargau kurz charakterisieren müssten – was macht Ihre Tätigkeit aus?
Aufgabe der Polizei ist es, Sicherheit zu gewährleisten – idealerweise einzugreifen, bevor etwas passiert. Vorausschauend Risiken zu erkennen, diese richtig einzuschätzen und Gefahr abzuwehren, ist das, wofür wir als Organisation und ich als Kommandant im Wesentlichen verantwortlich sind. Darüber hinaus ist Menschenführung eine meiner Kernaufgaben.
Kommandant einer Kantonspolizei zu sein klingt nach Daueranspannung. Woher nehmen Sie die Energie für diese Aufgabe?
Diese Frage habe ich mir auch schon gestellt. Joggingläufe in freier Natur verschaffen mir einen momentanen Ausgleich zum vollen Terminkalender. Meine Energie und Motivation hingegen ziehe ich aus der Überzeugung, dass unsere Arbeit hochgradig sinnvoll und nötig ist. Mir widerstrebt, wenn Kriminelle ihr Unwesen treiben und Menschen dadurch Opfer von Straftaten werden. Um so mehr beflügelt es mich, wenn ich als Polizeikommandant meinen Beitrag für einen sicheren Kanton leisten kann.
In gewissen Situationen kann die Stimmung sehr schnell kippen, oft zählt jede Sekunde. Wie bleiben Polizisten und Polizistinnen in hektischen Situationen ruhig und fokussiert?
Bei der Auswahl geeigneter Bewerberinnen und Bewerber spielen die charakterlichen Eigenschaften eine zentrale Rolle. Wir suchen Menschen mit einer gewissen Souveränität, die auch unter Druck ruhig und überlegt handeln. Psychologische Tests, darunter Rollenspiele mit professionellen Schauspielern, zeigen uns, ob jemand den hohen psychologischen Anforderungen des Polizeiberufs gewachsen ist.
Polizistinnen und Polizisten arbeiten im Schichtbetrieb, stehen nachts im Einsatz und erleben belastende Situationen. Wie sorgen Sie dafür, dass niemand «ausbrennt»?
Bei einer korpsweiten Befragung, die wir vor einiger Zeit durchführten, hat sich gezeigt, dass sich unsere Leute weniger stark belastet fühlen als zehn Jahre zuvor – eine sehr erfreuliche Feststellung. Trotzdem sind psychisch anspruchsvolle Situationen häufig. Der Tod begegnet Polizistinnen und Polizisten fast täglich: Suizide, aussergewöhnliche Todesfälle, ein Verkehrsunfall mit Toten. Wenn jemand Mühe hat, über solche Ereignisse hinwegzukommen, bietet unser psychologischer Dienst die nötige Unterstützung. Dieser berät auch die Kader, damit sie Alarmsignale in ihren Teams erkennen und frühzeitig handeln können.
Viele verbinden Polizei mit Blaulicht und Grossereignissen. Was braucht im Polizeialltag überraschend viel Energie, das man von aussen vielleicht gar nicht sieht?
Die «Sysiphusarbeit» – wiederkehrende Aufgaben ohne sichtbaren Effekt. Dazu gehören Administration und Schreibarbeit, aber auch der Umgang mit schwierigen «Kunden».
Wenn Sie auf Ihre bisherige Karriere zurückblicken: Welcher Moment hat Ihnen den grössten Energieschub gegeben?
Ein besonderes Highlight war sicher der Sieg unserer Sondereinheit ARGUS an der Weltmeisterschaft 2019. Rund fünfzig Teams aus aller Welt nahmen daran teil, darunter Profi-Einheiten, die gezielt auf diesen sehr anspruchsvollen Wettkampf hintrainiert hatten. Um so beeindruckender war der Erfolg unserer Sondereinheit, deren Angehörige diese Spezialfunktion zusätzlich zu ihrem angestammten Dienst leisten.
Und umgekehrt: Gab es einen Tiefpunkt, der Sie im Rückblick besonders viel Kraft gekostet hat?
Ärgerlich sind Vorwürfe in den Medien, die sich später als falsch erweisen – ohne dass sich jemand dafür entschuldigt. Insgesamt habe ich aber wenige Tiefpunkte erlebt.
Digitalisierung, Cyberkriminalität, Social Media – wie verändern diese Themen die Polizeiarbeit?
Einerseits nutzen wir diese Tools selbst. Social Media etwa ist für uns ein wichtiger Kanal, um Nachwuchswerbung und Imagepflege zu betreiben. Überhaupt ist Information seit jeher der wichtigste Rohstoff der Polizeiarbeit. Informationstechnologien in jeder Form sind ein Schlüssel zum Erfolg. Aber leider auch für die Gegenseite. So nimmt die Cyberkriminalität Jahr für Jahr zu. Darüber hinaus gibt es heute kaum noch Delikte, bei denen nicht auch digitale Spuren eine wichtige Rolle spielen. Entsprechend gigantisch ist die Datenmenge, die wir bei den Ermittlungen auswerten. Und sie wird laufend grösser.
Wo sehen Sie aktuell die grössten Sicherheitsrisiken in der Schweiz?
Drei Bereiche stehen im Fokus: Einerseits die organisierte Kriminalität, die es auch in der Schweiz gibt, aber stark unterschätzt wird. Zweitens Terrorismus und Gewaltextremismus. Auch hier sind die Risiken gestiegen. Und die dritte Bedrohung hängt mit der sicherheitspolitischen Lage in Europa zusammen. Staatliche Akteure versuchen, Verwirrung und Unruhe zu stiften. Auch in der Schweiz gibt es klar erkennbare Vorbereitungshandlungen, wobei namentlich kritische Infrastrukturen betroffen sind.
Weiter entdecken
Die Aargauer Kantonspolizei
Mitarbeitende
1 000 (per 31.12.2025), davon 772 Polizistinnen und Polizisten, 117 Zivilangestellte, 105 Aspirantinnen und Aspiranten, 5 Praktikantinnen und Praktikanten / Lernende
Abteilungen
6 (Kommandobereiche, Führung & Einsatz, Polizeitechnik, Stationierte Polizei, Kriminalpolizei, Mobile Polizei)
Spezialdienste
Sondereinheit ARGUS, Diensthundewesen, Ordnungsdienst, Gewässerpolizei, Verhandlungsgruppe, Psychologischer Dienst / Seelsorge
Standorte
Polizeikommando in Aarau, Mobile Polizei in Schafisheim sowie 9 Stützpunkte (Rheinfelden, Frick, Brugg, Baden, Aarau, Lenzburg, Zofingen, Unterkulm, Muri)
Notruf 117
info@kapo.ag.ch