Die Energiewende verändert die Rolle der Energieversorger grundlegend. Drei Aspekte stehen im Zentrum der Entwicklung: Dezentralisierung, Dekarbonisierung und Digitalisierung. Die AEW begegnet dem technologischen Wandel mit Innovation, Partnerschaften und auch mit gezielter Zusammenarbeit mit der Forschung: Gemeinsam mit Schweizer Hochschulen entwickelt sie Lösungen, die direkt in das Energiesystem von morgen einfliessen. Nicola Ruch, Leiter Geschäftsentwicklung bei der AEW, über drei Projekte, die zeigen, wie aus Theorie echter Fortschritt entsteht.
Nicola Ruch, die AEW arbeitet zu unter schiedlichen Themen mit verschiedenen Schweizer Hochschulen zusammen. Weshalb?
Als Energieversorgerin stehen wir vor der Aufgabe, ein über Jahrzehnte gewachsenes System umzubauen. Wir freuen uns darauf, damit unseren Beitrag für die Umsetzung der Energiestrategie zu leisten. Getrieben wird dieser Umbau von den drei D – Dezentralisierung, Dekarbonisierung und Digitalisierung. Strom wird heute nicht mehr zentral in den grossen Kraftwerken produziert, sondern zu nehmend dezentral, etwa von privaten Solaranlagen (PV-Anlagen). Weil fossile Energieträger ersetzt werden, steigt gleich zeitig der Strombedarf. Wir brauchen also ein intelligentes, digitalisiertes Energiesystem, das mehr und flexibel Strom und Wärme transportieren kann. Diese neue Ausgangslage braucht einerseits ein Um denken in unseren eigenen Produktionsanlagen sowie dem Netz und Wärmebetrieb, eröffnet uns aber auch Chancen für neue integrale Produkte und Dienstleistungen. Um von den neuesten technologischen Entwicklungen zu profitieren und diese schnell in eine konkrete Anwendung zu überführen, brauchen wir die Zusammenarbeit mit den Hochschulen.
Wie entstehen solche Partnerschaften – klopfen die Hochschulen bei euch an, oder sucht die AEW aktiv nach Forschungspartnern?
Beides. Die Hochschulen suchen aktiv Industriepartner für Projekte ihrer Studierenden und wir suchen gezielt Hochschulpartner für anstehende Fragestellungen bzw. sind mit den Technologietransfer stellen der Hoch und Fachhochschulen gut vernetzt. Durch diese Zusammenarbeit kennen wir die verschiedenen Kompetenzzentren bei den Hochschulen ziemlich gut und wissen, welche Hoch schule etwa im Bereich Wärmespeicherung stark ist oder wer an der Integration von PV-Anlagen oder Batteriespeichern zur Stabilisierung der Stromnetze forscht. So hat sich ein Netzwerk etabliert, auf das wir gezielt zurückgreifen können. Gleich zeitig gilt es, die aktuellen Entwicklungen zu verfolgen – die Hochschulen gründen neue Institute und passen sich damit dem Markt an.
Die Projekte sind sehr unterschiedlich: Netzmathematik, Batteriespeicher, Fernwärme. Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit die AEW ein Thema gemeinsam mit einer Hochschule angeht?
Ein Thema muss aus Sicht unserer Strategie 2030 relevant sein. Unser internes Technologiemanagement und das Innovationsmanagement stecken Suchfelder ab und definieren, welche Bereiche aus technologischer oder betriebswirtschaftlicher Sicht besonders interessant sind und wo Klärungsbedarf besteht. So ergibt sich ein klarer Rahmen für die Zusammenarbeit. Es kommt deshalb auch vor, dass wir Anfragen ablehnen müssen.
Forschungsprojekte zeigen, dass die Netzkapazität mittels intelligenter Steuerung quasi «virtuell» erhöht werden können. Wie realistisch ist es, dass solche Erkenntnisse flächendeckend ins Stromnetz einfliessen?
Wir können das Netz für das zukünftige Energiesystem nicht beliebig ausbauen – sowohl aus technischer als auch aus finanzieller Sicht. Das Thema der intelligenten und automatisierten Netze hat deswegen ein beträchtliches Potenzial und auch einen hohen Stellenwert in unserer Netzstrategie. Studien schätzen, dass mit einem solchen «Smart Grid» die Ausbaukosten reduziert werden können – und das mit einer Kombination von diversen Mitteln, welche wir aktuell evaluieren (z. B. dynamische Tarife, intelligente PV-Steuerung, dynamische Spannungsregelungen oder kurzzeitige Verschiebung von Lastspitzen bei Wärme pumpen – natürlich alles ohne Komforteinbusse).
Für den Batteriespeicher BESS haben Studierende der FHNW das Betriebskonzept erarbeitet. Was bedeutet es für junge Fachleute, wenn ihre Semesterarbeit an einer realen Anlage angewendet wird – und was heisst das umgekehrt für die AEW?
Gerade dieses Projekt ist ein sehr gutes Beispiel: Am Projekt BESS (Baden-Dättwil) war u. a. ein Student beteiligt, der auch bei der AEW arbeitet. Er konnte sich dank diesem Projekt ganz konkret auf diesem Thema weiterentwickeln und arbeitet noch heute bei uns. Es war also eine Win-win-Situation für alle Beteiligten. Grundsätzlich gelten für solche Projekte mit externen Personen natürlich klare Regeln: Es gibt beispielsweise eine Vertraulichkeitsvereinbarung, die sicher stellt, dass keine sensitiven Daten nach aussen dringen.
Die Energiebranche kämpft wie viele technische Sektoren um qualifizierte Fachkräfte. Inwiefern helfen Hochschulkooperationen dabei, die AEW als attraktive und innovative Arbeitgeberin zu positionieren?
Das ist ein wichtiger Aspekt. Einerseits dienen die Hochschulkooperationen dazu, unser Image als innovatives, zukunftsorientiertes Unternehmen mit spannen den und sinnstiftenden Aufgaben zu unterstreichen. Andererseits lernt man sich bei solchen Projekten gegenseitig sehr gut kennen und weiss, wer welche Kompetenzen und Fähigkeiten mitbringt. Gerade für Studierende und Absolventinnen und Absolventen sind solche Kooperationen ein ideales Sprungbrett in die Berufswelt, da sie früh Einblick in reale Projekte erhalten, Verantwortung über Dezentralisierung Stromüberschüsse speichern Projekt: BESS-Batteriespeicher Baden-Dättwil Mit der zunehmenden Verbreitung von PV-Anlagen beeinflussen Sonne und Wetter die Stabilität des Stromnetzes immer stärker. Batteriesysteme (BESS) können unerwartete Einspeisespitzen speichern und später nutzen. Die AEW installierte im Oktober 2023 einen solchen Speicher beim Unterwerk Baden-Dättwil. Er fasst 10 MWh – genug für die Versorgung der Stadt Baden während zehn Minuten – bei 5,5 MW Spitzenleistung und weniger als zwei Stunden Ladezeit. Das Betriebskonzept entwickelten drei Studierende der FHNW in Windisch mit Hitachi Energy. Für die AEW ist das Projekt eine Lernplattform für künftige Speicherlösungen im Aargau. nehmen und wertvolle Praxiserfahrung sammeln können. Zudem zeigen wir durch diese Zusammenarbeit, dass wir als Arbeitgeberin moderne Arbeitsbedingungen, Entwicklungsmöglichkeiten und eine wertschätzende Unternehmenskultur bieten. Themen wie Nachhaltigkeit, Innovation und die aktive Mitgestaltung der Energiezukunft spielen bei uns eine zentrale Rolle – das spricht be sonders junge Talente an, die nicht nur einen Job suchen, sondern aktiv zur Gestaltung einer nachhaltigen und zuverlässigen Energieversorgung in der Region beitragen möchten. Auch meine erste Stelle in der Energiebranche habe ich vor fünfzehn Jahren unter anderem aufgrund meiner Diplomarbeit erhalten und ich möchte mich auch noch weiter hier engagieren.
Digitalisierung
Mit Daten die Zukunft gestalten
Projekt: Energy Data Hackdays
Die intelligente Nutzung von bereits vorhandenen Daten hilft uns, die Energie wende voranzubringen. An den jährlich statt findenden Energy Data Hackdays werden komplexe Fragestellungen mit Energiedaten u. a. mit Spezialisten von Hochschulen bearbeitet. Im vergangenen Jahr konnte z. B. anhand von zur Verfügung gestellten Gebäude daten in einem intelligenten Prognosemodell ein theoretisches Einsparpotenzial von 75 % der bestehenden Energiekosten erreicht werden. Dabei wurde eine Kombination von optimiertem Eigenverbrauch der PV-Anlage mit Batteriespeicher sowie Teilnahme an Flexibilitätsmärkten angewendet.
Dezentralisierung
Stromüberschüsse speichern
Projekt: BESS-Batteriespeicher Baden-Dättwil
Mit der zunehmenden Verbreitung von PVAnlagen beeinflussen Sonne und Wetter die Stabilität des Stromnetzes immer stärker. Batteriesysteme (BESS) können unerwartete Einspeisespitzen speichern und später nutzen. Die AEW installierte im Oktober 2023 einen solchen Speicher beim Unterwerk BadenDättwil. Er fasst 10 MWh – genug für die Versorgung der Stadt Baden während zehn Minuten – bei 5,5 MW Spitzenleistung und weniger als zwei Stunden Ladezeit. Das Betriebskonzept entwickelten drei Studierende der FHNW in Windisch mit Hitachi Energy. Für die AEW ist das Projekt eine Lernplattform für künftige Speicher lösungen im Aargau.
Dekarbonisierung
Fernwärme ohne fossilen Einsatz
Projekt: DecaTherm-Studie zur fossil- und biomassefreien Fernwärme
Fernwärme gilt als klimafreundliche Heiz lösung. Ein häufig übersehener Punkt ist die fossile Spitzenlastabdeckung. An sehr kalten Tagen steigt der Wärmebedarf stark an, weshalb in vielen thermischen Netzen Gas oder Ölkessel einspringen. Laut der ZHAWStudie «DecaTherm» entfallen 20 bis 27 % der jährlichen Energiemenge auf diese Spitzenlast. Angesichts einer Lebensdauer von 25 bis 30 Jahren stellt dies eine erheb liche Herausforderung für die Dekarboni sierung dar. Die ZHAWForschungsgruppe «Erneuerbare Energien» zeigt jedoch, dass vollständig fossil und biomassefreie Fernwärmesysteme möglich sind – etwa mit Seewasser, Grund wasser oder Abwärme in Kombination mit Wärmepumpen. Die Mehrkosten gegenüber konventionellen Systemen betragen rund 22 %. Praxisbeispiele sind die Wärmeverbun de HorgenPromenade und Augst der AEW.